Presse 2016-2018

2018

UNTERWEGS
20 Jahre Singfrauen Winterthur – mehr als ein Konzert!
Zwei offene Briefe zur Jubiläumsproduktion

Roger Girod, Winterthur (Musiker)

… Wer ihren selbstbewussten Auftritt im Theater Winterthur zum 20- jährigen Jubiläum miterleben durfte, konnte die Kraft und die Ausdrucksstärke dieser vierzig Stimmen förmlich am eigenen Leib erfahren – die Singfrau ist ein Statement, die Singfrauen verkünden seit zwanzig Jahren eine Botschaft: Wir sind nicht singende Frauen, wir singen – feiern, tanzen, streiten, versöhnen uns, kämpfen und helfen uns, wir leben – als Frauen! In diesem Licht erstrahlt das Jubiläumskonzert in doppeltem Glanz: Die Botschaft wird, unterstützt von vier hervorragenden InstrumentalistInnen (Albin Brun, Patricia Draeger, Claudio Strebel, Markus Lauterburg), mit grösster Professionalität vermittelt: Der Chorklang kennt viele Farben, er betört, rüttelt auf, verzaubert. Die stimmig ausgewählten Lieder aus vielen Kulturen und aus allen Gefühls- und Lebenslagen greifen ans Herz, die sparsame (und gerade deshalb so wirkungsvolle) szenische Inszenierung von Delia Dahinden öffnet der Musik überraschende neue Räume. Und alles wird diskret zusammengehalten von der Dirigentin Franziska Welti, die seit zwanzig Jahren die Fäden dieses Chorkunstwerks spinnt, mit unendlich viel Fantasie, Energie und Einfühlungsvermögen …

Karin Salm, Winterthur (Kulturjournalistin)

…  Was sich mit Schemmeln und weissen Tüchern – einzeln und kombiniert – alles machen lässt: Überdimensionale Schneeflocken, die von Himmel fallen, Hüllen, Gewänder, Tischtücher, Vorhänge, die ent- und verhüllen, Schlagwerkzeuge, Babies, die zerfallen, Leichentücher, Abendmahlsituationen, festliche Tafeln… Ein unglaublicher Reichtum an Bildern, Geschichten und Assoziationen. Das Resultat einer umsichtigen Inszenierung. Ganz grossartig darin die Singfrauen: der wunderbare Chorklang, die vitalen Stimmen, die Freude, der präzise Ausdruck, die Bühnenpräsenz. Ich hatte immer wieder die Vorstellung, dass man an diesem Abend die 20 Jahre Chorarbeit eindrücklich spüren und erfahren konnte … Und mich dünkt, dass die osteuropäischen Klang- und Stimmräume die Singfrauen wunderbar beeinflusst und gestärkt haben. Die Singfrauen waren – und sind – ganz ohrenfällig gut unterwegs! Und was ich auch so schön fand: dass trotz der Einheitlichkeit der Kleider die unterschiedlichen Charaktere der Frauen so umwerfend zum Ausdruck kamen …

September 2018


WO STIMMEN DIE MENSCHEN VEREINEN

Dieter Langhart

Naturstimmen Totenstille vor dem brandenden Applaus – die Singfrauen Winterthur haben am Muttertag das bisher wohl stärkste Konzert am Klangfestival Toggenburg gegeben. Aber sie waren nicht allein.

„Hammer!“ Die Frau rechts von mir sagt nur dies eine Wort, der Mann neben ihr ergreift ihre Hand, Tränen in den Augen. So sieht Ergriffenheit aus, bevor der Applaus aus den harten Kirchenbänken nach vorn auf die Bühne brandet. Da haben die Singfrauen Winterthur Lieder von den Rändern Europas gesungen, aus Karelien und Georgien, aber auch aus dem Muotatal. Sie haben sich über die Bühne bewegt und sechshundert Herzen aufgetan, haben bewiesen, dass der Gesang die stärkste, die unmittelbarste Kraft auf Erden ist. Und die fünfundvierzig Singfrauen waren nicht allein in der katholischen Kirche in Alt St.Johann. Frauenpower am Muttertag hatte Nadja Räss versprochen, die künstlerische Leiterin des Klangfestivals Naturstimmen im Toggenburg. Sie hatte nicht zu viel versprochen …

Thurgauer Zeitung, 15. Mai 2018
Tagblatt, 16. Mai 2018
Luzerner Zeitung, 16. Mai 2018


OFT UND GERNE AUF REISEN

Interview mit Franziska Welti anlässlich des Jubiläums 20 Jahre Singfrauen Winterthur

Helmut Dworschak

Landbote, 24. Januar 2018

> Interview Landbote


2017

RÜCKBLICK WITIKER KONZERTE

Martin Huber

Konzertkritik Singfrauen Winterthur

Die Programmierung der aktuellen Witiker Konzert-Saison ist darauf angelegt, dass die Künstlerinnen und Künstler den Schritt über den Bühnenrand wagen und Konventionen anreissen sollen. Für einmal gibt die Konzertreihe, ansonsten mit renommierten professionellen Musikern besetzt, die Bühne frei für einen grossen Laienchor. Was die Chorleiterin Franziska Welti mit den gut 40 Frauen in knapp 90 Minuten hinzaubert, verwischt die Grenzen dessen, was gemeinhin den Unterschied ausmacht und kehrt ihn ins Gegenteil. Wo ein professioneller Chor vielleicht mehr Volumen umsetzt, gereicht der wohldosierte Umgang mit den vorhandenen Mitteln einem homogenen, immer fein intonierten und variierenden Chorklang zum Vorteil … Es ertönen Liebes- und Trinklieder, Geistliches und Weltliches wird ausgebreitet, die alten, unbekannten Instrumente werden dezent vorgestellt, alles dramaturgisch klug inszeniert. Das ist Konzertpädagogik vom Feinsten. Ein Lob den Sängerinnen, der Leiterin und den Instrumentalisten für einen hoch unterhaltsamen, herausragenden Konzertabend mit viel Publikum!

Beilage der Zeitung „reformiert.“, Witikon, 28. Juli 2017


DURCH RENAISSANCE UND MITTELALTER

Vreni Winzeler

Das neue Programm der Singfrauen Winterthur orientiert sich an Liedern, die zwischen dem 9. und dem 15. Jahrhundert populär waren.

Die Singfrauen Winterthur – bekannt für ihre themenbezogenen Konzerte querbeet durch das musikalische Gärtlein – tauchten am vergangenen Freitag in der Rathauslaube in Schaffhausen unter der inspirierenden Leitung von Franziska Welti lustvoll in die Welt des Mittelalters und der Renaissance ein. Die rund 45 Frauen, welche sich trotz der Hitze tapfer in zum Teil schwere, historisch inspirierte Tücher gewandet hatten, schienen einem Bild des niederländischen Malers Pieter Bruegel entsprungen …

Die gut vorbereiteten Singfrauen – frau spickte lediglich ab und zu und höchst gekonnt mit Textzettelchen, welche an diesem heissen Abend in ganz und gar organisch wirkenden Fächern versteckt waren – sangen französische, okzitanische, englische, spanische, deutsche und italienische Madrigale und Gesänge sowie einen althochdeutschen Zauberspruch aus dem 9. Jahrhundert. Ausserdem erzählten die Singfrauen die traurige Geschichte der Maria Barbara Erni, einer Gaunerin aus dem Liechtensteinischen, die mit 42 Jahren hingerichtet wurde. Voll die mittelalterliche Frauenpower!

Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zeitreise ins Mittelalter wurden von den Ausführenden mehr als erfüllt: Von der sorgfältigen Konzeption über die Stückwahl bis hin zur stilbewussten Performance und mit sinnvollen choreografischen Elementen angereichert, war alles fein aufeinander abgestimmt. Die Singfrauen wirkten von Anfang bis Schluss frisch und intonationssicher – bei der herrschenden Hitze quasi ein Wunder! Auch das Spiel mit den Klängen gelang überzeugend von sanft bis forsch, und die Solistinnen aus dem Chor beeindruckten mit ihren glasklaren und kräftigen Stimmen sowie mit Aufmerksamkeit und Präzision. Franziska Welti führte ihre Singfrauen zuverlässig und mit suggestiver Kraft durch das umfangreiche Programm und vermochte sie mit klarer Gestik zu einer überzeugenden Chorleistung zu führen. Der Sound der Singfrauen zeichnet sich durch hingebungsvolles Engagement, ehrliche Emphase, eine kraftvolle Stimmgebung ohne Druck und durch eine unverkrampfte Präzision aus. Das Schaffhauser Publikum bedankte sich für das Konzert mit anhaltendem und warmem (sic!) Applaus.

Schaffhauser Nachrichten, 11. Juli 2017

> ganzer Bericht Schaffhauser Nachrichten


2016

EINDRÜCKLICHE VERBINDUNG VON MUSIK UND RAUM

Gisela Zweifel-Fehlmann

Die Uraufführung von Andreas Stahels Komposition „Tiefe Himmel weite Welt“ wurde in der spirituellen Grösse des Schaffhauser Münsters zu einem einmaligen Klang- und Raumerlebnis.

Inspiriert vom Text von Klaus Merz: Tiefe Himmel, weite Welt – leise wiegen, mutig gehen, einer Inschrift im Winterthurer Friedhof Rosenberg, schuf der Komponist in einzigartiger Ausdrucksweise musikalische Ausblicke in die letzten Dinge des menschlichen Daseins. Mit Franziska Welti und ihren drei Frauenchören, den Winterthurer Singfrauen, den Singfrauen Berlin und dem Vokalensemble vox feminae fand er kongeniale Partnerinnen für seine Musik … Gemeinsam brachten sie in sich ändernden räumlichen Aufstellungen und durch singendes Wandeln die Erhabenheit des Münsters zu einmaliger Wirkung.

Nach zwei erfolgreichen Aufführungen in der Predigerkirche Zürich und der Stadtkirche Winterthur war der hiesige Kirchenraum sowohl durch den langen Nachhall als auch stilistisch geradezu prädestiniert für diese Musik, und dies bei voll besetzten Bänken auch durch ein erfreulich jüngeres Publikum.

Franziska Welti ist eine innovative Chorleiterin, die moderne Experimente nicht scheut und zusätzlich über ein beachtliches Hintergrundwissen über auch sehr alte Musik verfügt. Mit ihren hoch qualifizierten Frauenchören hat sie sich einen beachtlichen Namen erarbeitet. Gemeinsam mit Andreas Stahel und dessen Ehefrau, der Tänzerin Ana Tajouiti Stahel, welche eine Choreografie für die Sängerinnen geschaffen hatte, liess sie ihre Kenntnis von mittelalterlicher Musik bereits in den kreativen Entstehungsprozess einfliessen. Mittelalterliche Gregorianik, innige Mariengesänge und archaische Spielmannsweisen mündeten nahtlos in farbige Klanggewebe, repetitiv rauschhafte Ostinato-Muster im postmodernen Stil, getoppt von folkloristischen Jodelmotiven, jazzig Groovigem und Obertongesang.

Sie bildeten eine vollkommene Einheit mit dem Raum: Klangwolken von obertönigen, reinen Oktav- und Quintklängen schwebten bis in die Höhen des Kirchenschiffs und zogen die Zuhörer in einen meditativen Sog … Von eindrücklicher Symbolik war die letzte Klangfläche Mutig gehen, durchwoben von Gesang als ruhiges, vertrauensvolles Vorwärtsschreiten, weg vom Zuhörer, wie ein Übergang in eine andere Welt der Ewigkeit.

Schaffhauser Nachrichten, 12. April 2016


DIE SINGFRAUEN UND DIE „WEITE WELT“

Sibylle Ehrismann

Am Samstagabend war in der Stadtkirche ein originelles Raumprojekt der Singfrauen Winterthur zu erleben, in welchem uralte und neue Musik raffiniert verbunden wurden.

Tiefe Himmel, weite Welt ist das poetische Motto dieser abendfüllenden Komposition, die der Winterthurer Flötist und Komponist Andreas Stahel aus archaischen Gesängen aus dem Mittelalter, der Frührenaissance und seinen eigenen neuen Stücken zusammengestellt hat.

Die Inspiration dazu bot das Gedicht von Klaus Merz (geboren 1945), welches dieser für die transparenten Schriftplatten des neuen Krematoriums Rosenberg geschrieben hat: Tiefe Himmel / weite Welt / leise Wiegen / mutig gehen.

Andreas Stahel hat dieses markant „gemeisselte“ Gedicht für Frauenchor und drei Instrumente vertont. Und er hat seine „minimalistische“ Musik mit Werken aus dem Llibre Vermell de Montserrat (14. Jahrhundert) und anderen Gesängen aus der Frührenaissance und der Notre-Dame-Schule verbunden. Franziska Welti, die engagierte Leiterin der Singfrauen Winterthur, hat für diese Aufführung keinen Aufwand gescheut und hat die rund 70 Sängerinnen aus ihren drei Chören (Singfrauen Winterthur, Singfrauen Berlin und Vokalensemble Vox feminae der Zürcher Hochschule der Künste, ZHdK) zusammengerufen.

Sie singen und bewegen sich

Dieser üppige Frauenchor muss nicht nur singen, er muss sich dazu auch bewegen. Die Sängerinnen singen fast ununterbrochen, im Ensemble oder solistisch, und schreiten entweder in zwei gegeneinander strömenden Reihen durch den ganzen Kirchenraum, oder sie formieren sich in kleinere Gruppen hinten, an der Seite und vorne, sodass das Publikum mittendrin sitzt im Chorgesang. So entstehen immer wieder neue und überraschende Hörerlebnisse, und Alt und Neu fliessen stilistisch sanft ineinander über, als würden da nicht Hunderte von Jahren dazwischenliegen.

Und plötzlich, in den vielstimmig schwebenden Klangflächen von Andreas Stahel, hebt sich ein archaischer Jodel ab. Eine Gruppe von Sängerinnen lässt sich davon anstecken, sie alle jodeln in der urchigen Technik der Pygmäen. Franziska Welti koordinierte die „wandelnden“ Sängerinnen gut, ab und zu dirigierte sie sogar von hinten im Raum, sodass alle Sängerinnen weit in den Raum hinaus zu ihr nach hinten sangen. Das führte zu einer spannenden Klangdimension.

Modale Klangschichtungen, aber auch groovende Minimal-Music-Motive verbreiten mystisch anmutende Klänge …

Die Dramaturgie war klar und doch fliessend, und die rhythmisierteren Gesänge bekamen in diesem „Klangfeld“ einen eigentümlichen Reiz. Das Gedicht von Klaus Merz wurde in den improvisierten Passagen von einzelnen Sängerinnen subtil artikuliert …

Das Publikum ging den ganzen Abend lang gebannt mit und spendete langen, beherzten Applaus.

Der Landbote, 11. April 2016