Presse ab 2016

2018
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WO STIMMEN DIE MENSCHEN VEREINEN

Dieter Lang­hart

Natur­stim­men Toten­stil­le vor dem bran­den­den Applaus – die Sing­frau­en Winter­thur haben am Mutter­tag das bisher wohl stärks­te Konzert am Klang­fes­ti­val Toggen­burg gege­ben. Aber sie waren nicht allein.

Hammer!” Die Frau rechts von mir sagt nur dies eine Wort, der Mann neben ihr ergreift ihre Hand, Tränen in den Augen. So sieht Ergrif­fen­heit aus, bevor der Applaus aus den harten Kirchen­bän­ken nach vorn auf die Bühne bran­det. Da haben die Sing­frau­en Winter­thur Lieder von den Rändern Euro­pas gesun­gen, aus Kare­li­en und Geor­gi­en, aber auch aus dem Muota­tal. Sie haben sich über die Bühne bewegt und sechs­hun­dert Herzen aufge­tan, haben bewie­sen, dass der Gesang die stärks­te, die unmit­tel­bars­te Kraft auf Erden ist. Und die fünf­und­vier­zig Sing­frau­en waren nicht allein in der katho­li­schen Kirche in Alt St.Johann. Frau­en­power am Mutter­tag hatte Nadja Räss verspro­chen, die künst­le­ri­sche Leite­rin des Klang­fes­ti­vals Natur­stim­men im Toggen­burg. Sie hatte nicht zu viel verspro­chen …

Thur­gau­er Zeitung, 15. Mai 2018
Tagblatt, 16. Mai 2018
Luzer­ner Zeitung, 16. Mai 2018
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2017
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RÜCKBLICK WITIKER KONZERTE

Martin Huber

Konzert­kri­tik Sing­frau­en Winter­thur

Die Program­mie­rung der aktu­el­len Witi­ker Konzert-Saison ist darauf ange­legt, dass die Künst­le­rin­nen und Künst­ler den Schritt über den Bühnen­rand wagen und Konven­tio­nen anreis­sen sollen. Für einmal gibt die Konzert­rei­he, ansons­ten mit renom­mier­ten profes­sio­nel­len Musi­kern besetzt, die Bühne frei für einen gros­sen Laien­chor. Was die Chor­lei­te­rin Fran­zis­ka Welti mit den gut 40 Frau­en in knapp 90 Minu­ten hinzau­bert, verwischt die Gren­zen dessen, was gemein­hin den Unter­schied ausmacht und kehrt ihn ins Gegen­teil. Wo ein profes­sio­nel­ler Chor viel­leicht mehr Volu­men umsetzt, gereicht der wohl­do­sier­te Umgang mit den vorhan­de­nen Mitteln einem homo­ge­nen, immer fein into­nier­ten und vari­ie­ren­den Chor­klang zum Vorteil … Es ertö­nen Liebes- und Trink­lie­der, Geist­li­ches und Welt­li­ches wird ausge­brei­tet, die alten, unbe­kann­ten Instru­men­te werden dezent vorge­stellt, alles drama­tur­gisch klug insze­niert. Das ist Konzert­päd­ago­gik vom Feins­ten. Ein Lob den Sänge­rin­nen, der Leite­rin und den Instru­men­ta­lis­ten für einen hoch unter­halt­sa­men, heraus­ra­gen­den Konzert­abend mit viel Publi­kum!

Beila­ge der Zeitung “refor­miert.”, Witi­kon, 28. Juli 2017
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DURCH RENAISSANCE UND MITTELALTER

Vreni Winze­ler

Das neue Programm der Sing­frau­en Winter­thur orien­tiert sich an Liedern, die zwischen dem 9. und dem 15. Jahr­hun­dert popu­lär waren.

Die Sing­frau­en Winter­thur – bekannt für ihre themen­be­zo­ge­nen Konzer­te quer­beet durch das musi­ka­li­sche Gärt­lein – tauch­ten am vergan­ge­nen Frei­tag in der Rathaus­lau­be in Schaff­hau­sen unter der inspi­rie­ren­den Leitung von Fran­zis­ka Welti lust­voll in die Welt des Mittel­al­ters und der Renais­sance ein. Die rund 45 Frau­en, welche sich trotz der Hitze tapfer in zum Teil schwe­re, histo­risch inspi­rier­te Tücher gewan­det hatten, schie­nen einem Bild des nieder­län­di­schen Malers Pieter Brue­gel entsprun­gen …

Die gut vorbe­rei­te­ten Sing­frau­en – frau spick­te ledig­lich ab und zu und höchst gekonnt mit Text­zet­tel­chen, welche an diesem heis­sen Abend in ganz und gar orga­nisch wirken­den Fächern versteckt waren – sangen fran­zö­si­sche, okzita­ni­sche, engli­sche, spani­sche, deut­sche und italie­ni­sche Madri­ga­le und Gesän­ge sowie einen althoch­deut­schen Zauber­spruch aus dem 9. Jahr­hun­dert. Ausser­dem erzähl­ten die Sing­frau­en die trau­ri­ge Geschich­te der Maria Barba­ra Erni, einer Gaune­rin aus dem Liech­ten­stei­ni­schen, die mit 42 Jahren hinge­rich­tet wurde. Voll die mittel­al­ter­li­che Frau­en­power!

Die Voraus­set­zun­gen für eine erfolg­rei­che Zeit­rei­se ins Mittel­al­ter wurden von den Ausfüh­ren­den mehr als erfüllt: Von der sorg­fäl­ti­gen Konzep­ti­on über die Stück­wahl bis hin zur stil­be­wuss­ten Perfor­mance und mit sinn­vol­len choreo­gra­fi­schen Elemen­ten ange­rei­chert, war alles fein aufein­an­der abge­stimmt. Die Sing­frau­en wirk­ten von Anfang bis Schluss frisch und into­na­ti­ons­si­cher – bei der herr­schen­den Hitze quasi ein Wunder! Auch das Spiel mit den Klän­gen gelang über­zeu­gend von sanft bis forsch, und die Solis­tin­nen aus dem Chor beein­druck­ten mit ihren glas­kla­ren und kräf­ti­gen Stim­men sowie mit Aufmerk­sam­keit und Präzi­si­on. Fran­zis­ka Welti führ­te ihre Sing­frau­en zuver­läs­sig und mit sugges­ti­ver Kraft durch das umfang­rei­che Programm und vermoch­te sie mit klarer Gestik zu einer über­zeu­gen­den Chor­leis­tung zu führen. Der Sound der Sing­frau­en zeich­net sich durch hinge­bungs­vol­les Enga­ge­ment, ehrli­che Empha­se, eine kraft­vol­le Stimm­ge­bung ohne Druck und durch eine unver­krampf­te Präzi­si­on aus. Das Schaff­hau­ser Publi­kum bedank­te sich für das Konzert mit anhal­ten­dem und warmem (sic!) Applaus.

Schaff­hau­ser Nach­rich­ten, 11. Juli 2017

> ganzer Bericht Schaff­hau­ser Nach­rich­ten
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2016
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EINDRÜCKLICHE VERBINDUNG VON MUSIK UND RAUM

Gise­la Zwei­fel-Fehl­mann

Die Urauf­füh­rung von Andre­as Stahels Kompo­si­ti­on “Tiefe Himmel weite Welt” wurde in der spiri­tu­el­len Grös­se des Schaff­hau­ser Müns­ters zu einem einma­li­gen Klang- und Raum­er­leb­nis.

Inspi­riert vom Text von Klaus Merz: “Tiefe Himmel, weite Welt — leise wiegen, mutig gehen”, einer Inschrift im Winter­thu­rer Fried­hof Rosen­berg, schuf der Kompo­nist in einzig­ar­ti­ger Ausdrucks­wei­se musi­ka­li­sche Ausbli­cke in die letz­ten Dinge des mensch­li­chen Daseins. Mit Fran­zis­ka Welti und ihren drei Frau­en­chö­ren, den Winter­thu­rer Sing­frau­en, den Sing­frau­en Berlin und dem Vokal­ensem­ble vox femin­ae fand er konge­nia­le Part­ne­rin­nen für seine Musik … Gemein­sam brach­ten sie in sich ändern­den räum­li­chen Aufstel­lun­gen und durch singen­des Wandeln die Erha­ben­heit des Müns­ters zu einma­li­ger Wirkung.

Nach zwei erfolg­rei­chen Auffüh­run­gen in der Predi­ger­kir­che Zürich und der Stadt­kir­che Winter­thur war der hiesi­ge Kirchen­raum sowohl durch den langen Nach­hall als auch stilis­tisch gera­de­zu präde­sti­niert für diese Musik, und dies bei voll besetz­ten Bänken auch durch ein erfreu­lich jünge­res Publi­kum.

Fran­zis­ka Welti ist eine inno­va­ti­ve Chor­lei­te­rin, die moder­ne Expe­ri­men­te nicht scheut und zusätz­lich über ein beacht­li­ches Hinter­grund­wis­sen über auch sehr alte Musik verfügt. Mit ihren hoch quali­fi­zier­ten Frau­en­chö­ren hat sie sich einen beacht­li­chen Namen erar­bei­tet. Gemein­sam mit Andre­as Stahel und dessen Ehefrau, der Tänze­rin Ana Tajoui­ti Stahel, welche eine Choreo­gra­fie für die Sänge­rin­nen geschaf­fen hatte, liess sie ihre Kennt­nis von mittel­al­ter­li­cher Musik bereits in den krea­ti­ven Entste­hungs­pro­zess einflies­sen. Mittel­al­ter­li­che Grego­ria­nik, inni­ge Mari­en­ge­sän­ge und archai­sche Spiel­manns­wei­sen münde­ten naht­los in farbi­ge Klang­ge­we­be, repe­ti­tiv rausch­haf­te Osti­na­to-Muster im post­mo­der­nen Stil, getoppt von folk­lo­ris­ti­schen Jodel­mo­ti­ven, jazzig Groo­vi­gem und Ober­ton­ge­sang.

Sie bilde­ten eine voll­kom­me­ne Einheit mit dem Raum: Klang­wol­ken von ober­tö­ni­gen, reinen Oktav- und Quint­klän­gen schweb­ten bis in die Höhen des Kirchen­schiffs und zogen die Zuhö­rer in einen medi­ta­ti­ven Sog … Von eindrück­li­cher Symbo­lik war die letz­te Klang­flä­che “Mutig gehen”, durch­wo­ben von Gesang als ruhi­ges, vertrau­ens­vol­les Vorwärts­schrei­ten, weg vom Zuhö­rer, wie ein Über­gang in eine ande­re Welt der Ewig­keit.

Schaff­hau­ser Nach­rich­ten, 12. April 2016
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DIE SINGFRAUEN UND DIEWEITE WELT

Sibyl­le Ehris­mann

Am Sams­tag­abend war in der Stadt­kir­che ein origi­nel­les Raum­pro­jekt der Sing­frau­en Winter­thur zu erle­ben, in welchem uralte und neue Musik raffi­niert verbun­den wurden.

Tiefe Himmel, weite Welt” ist das poeti­sche Motto dieser abend­fül­len­den Kompo­si­ti­on, die der Winter­thu­rer Flötist und Kompo­nist Andre­as Stahel aus archai­schen Gesän­gen aus dem Mittel­al­ter, der Früh­re­nais­sance und seinen eige­nen neuen Stücken zusam­men­ge­stellt hat.

Die Inspi­ra­ti­on dazu bot das Gedicht von Klaus Merz (gebo­ren 1945), welches dieser für die trans­pa­ren­ten Schrift­plat­ten des neuen Krema­to­ri­ums Rosen­berg geschrie­ben hat: “Tiefe Himmel / weite Welt / leise Wiegen / mutig gehen.”

Andre­as Stahel hat dieses markant “gemeis­sel­te” Gedicht für Frau­en­chor und drei Instru­men­te vertont. Und er hat seine “mini­ma­lis­ti­sche” Musik mit Werken aus dem “Llibre Vermell de Monts­er­rat” (14. Jahr­hun­dert) und ande­ren Gesän­gen aus der Früh­re­nais­sance und der Notre-Dame-Schu­le verbun­den. Fran­zis­ka Welti, die enga­gier­te Leite­rin der Sing­frau­en Winter­thur, hat für diese Auffüh­rung keinen Aufwand gescheut und hat die rund 70 Sänge­rin­nen aus ihren drei Chören (Sing­frau­en Winter­thur, Sing­frau­en Berlin und Vokal­ensem­ble Vox femin­ae der Zürcher Hoch­schu­le der Küns­te, ZHdK) zusam­men­ge­ru­fen.

Sie singen und bewe­gen sich

Dieser üppi­ge Frau­en­chor muss nicht nur singen, er muss sich dazu auch bewe­gen. Die Sänge­rin­nen singen fast unun­ter­bro­chen, im Ensem­ble oder solis­tisch, und schrei­ten entwe­der in zwei gegen­ein­an­der strö­men­den Reihen durch den ganzen Kirchen­raum, oder sie formie­ren sich in klei­ne­re Grup­pen hinten, an der Seite und vorne, sodass das Publi­kum mitten­drin sitzt im Chor­ge­sang. So entste­hen immer wieder neue und über­ra­schen­de Hörerleb­nis­se, und Alt und Neu flies­sen stilis­tisch sanft inein­an­der über, als würden da nicht Hunder­te von Jahren dazwi­schen­lie­gen.

Und plötz­lich, in den viel­stim­mig schwe­ben­den Klang­flä­chen von Andre­as Stahel, hebt sich ein archai­scher Jodel ab. Eine Grup­pe von Sänge­rin­nen lässt sich davon anste­cken, sie alle jodeln in der urchi­gen Tech­nik der Pygmä­en. Fran­zis­ka Welti koor­di­nier­te die “wandeln­den” Sänge­rin­nen gut, ab und zu diri­gier­te sie sogar von hinten im Raum, sodass alle Sänge­rin­nen weit in den Raum hinaus zu ihr nach hinten sangen. Das führ­te zu einer span­nen­den Klang­di­men­si­on.

Moda­le Klang­schich­tun­gen, aber auch groo­ven­de Mini­mal-Music-Moti­ve verbrei­ten mystisch anmu­ten­de Klän­ge …

Die Drama­tur­gie war klar und doch flies­send, und die rhyth­mi­sier­te­ren Gesän­ge beka­men in diesem “Klang­feld” einen eigen­tüm­li­chen Reiz. Das Gedicht von Klaus Merz wurde in den impro­vi­sier­ten Passa­gen von einzel­nen Sänge­rin­nen subtil arti­ku­liert…

Das Publi­kum ging den ganzen Abend lang gebannt mit und spen­de­te langen, beherz­ten Applaus.

Der Land­bo­te, 11. April 2016